Antisemitismus in Schulen oder: ein Auswuchs schlechter Bildungspolitik

Von Umut Danis

Alles atmet den Staub vergangener Tage.
Unsere Schulen sind marode. Wir bemühen uns.
Unsere Pädagogik veraltet. Wir bemühen uns.
Uns fehlen Lehrkräfte. Wir bemühen uns.
Alles atmet den Staub vergangener Tage, doch wir bemühen uns.

 

Sanierungsbedürftige Schulen mit ihren wackligen Stühlen und Tischen sind ein Problem. Genauso wie der hohe Altersdurchschnitt unserer Lehrkräfte. Können Quereinsteiger die vakanten Stellen besetzen? Eher nicht. Nun ja, besetzen vielleicht, aber die festgefahrene Pädagogik (wieder-)beleben? Schwierig. Probleme über Probleme…

Fakt ist: Wir müssen noch üben; wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht.

Fakt ist auch: Um zu dieser Einsicht zu gelangen, reicht ein flüchtiger Einblick in die Schulen, derart evident sind die Missstände an den Schulen unseres Landes.

Der Abwärtsstrudel, der seit Jahrzehnten seine Kreise zieht und in eine vage Zukunft blicken lässt, hat jedoch dramatischere Auswüchse, als ein flüchtiger Einblick gewähren könnte. Schule geht nicht mit der Zeit. „Schule“ ist ein Scherbenhaufen, der notdürftig zusammengeklebt wurde und als farbfrohes Mosaik verkauft wird. Wir befinden uns in einem fortwährenden Generationenkonflikt. Schiefertafel gegen Tablet, um es überspitzt zu formulieren. Ein verzweifeltes Spiel der Gegensätze. Doch dieses Spiel der Gegensätze produziert nur eins: Verlierer…

Ich muss an dieser Stelle abbrechen, um auf ein Problem einzugeben, dass nicht von heute auf morgen behoben werden könnte, wie die beschriebenen wackligen Stühle und Tische:

Wir sprechen von Antisemitismus, wir sprechen von Holocaust, Shoah oder Völkermord, wir sprechen auch vom schleichendem Erstarken antijüdischen Vorurteile, auch beschleunigt durch die Flüchtlingsbewegung und dem europäischen Rechtsruck, aber wir sprechen nicht darüber, wie es uns endlich gelingen kann, dem Ganzen ohne kurzweiligem Aktionismus entgegenzutreten.

Am intensivsten erforscht, am besten dokumentiert; das „Dritte Reich“ und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Wie diese endete, wissen wir - wir sprechen ja darüber. Aber wir sprechen erst viel zu spät. Von welcher Bedeutung die Behandlung des Holocausts in der Schule jedoch wäre, unterstreicht beispielsweise Adorno und fordert, dass eine Auseinandersetzung mit der Thematik bereits in jungen Jahren erfolgen müsse, um eine Wiederholung der barbarischen Vergangenheit zu verhindern.

Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels ist ohnehin derart präsent im Alltag mit ihren beispielweise schier unendlichen Dokumentationen auf Nachrichtensendern, dass bereits im Kindesalter eine vage Vorstellung von Hitlerdeutschland herrscht. Dieses Halbwissen bleibt jedoch Halbwissen, bis irgendwann (viel zu spät) darüber gesprochen wird. Das Thema wird tabuisiert in den Schulen, aber mit jedem Lebensjahr festigt sich die eigene Vorstellung der Heranwachsenden. Die Sozialisierung bestimmt letztlich oftmals, wie wir uns zu diesem Thema positionieren. Das ist ein fataler Fehler, der letztlich dazu führt, dass familiären Vorurteilen nicht entgegengearbeitet werden kann und dem wachsende „Judenhass“, der in den Medien fortwährend berichtet wird, den Weg ebnet.

Das Thema bleibt jedoch ein Tabuthema – vielleicht sogar das Tabuthema in der Schule. Im Anbetracht des demographischen Wandels bedarf es jedoch einer frühen Auseinandersetzung mit diesem Thema. Die Erlebnisgeneration stirbt aus, der biographische Bezug fehlt – es bleiben institutionell geformte und gestützte Erinnerung: Gedenkrituale, Denkmäler und die Geschichtsschreibung. Je weiter wir uns jedoch vom 8. Mai 1945 entfernen, desto mehr werden die unterschiedlichen persönlichen Erinnerungen und das Interesse an dieses historische Ereignis verblassen. Wir werden vergessen und antijüdische/antimenschliche Vorurteile werden wieder sprießen.

Wir müssen aktiv werden – marode Schulen, veraltete Pädagogik und fehlende Lehrkräfte dürfen keine Ausreden sein. Bemühen reicht diesmal nicht.

Umut Danis ist Grundschullehrer, Mitglied im KV Neukölln und in der AG Bürgerinnenbeteiligung.

 

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