Inklusion hilft, Segregation zu überwinden – in allen Schularten

Von Dirk Jordan

In unserer Gesellschaft gibt es eine Vielzahl von Unterschieden: kulturelle, ethnische, weltanschauliche, politische …., die sich leider immer mehr zu Spaltungen der Gesellschaft entwickeln. „Der Vater aller Unterschiede“ ist aber für mich die soziale Spaltung. Die soziale Spaltung der Gesellschaft, ihre Segregationswirkung spiegelt sich auch in der Schule wieder, sie spiegelt sich auch in der Wahl der Oberschule wieder, aber viel mehr und viel bedeutsamer schon vorher in Kita und Grundschule. Grundschulen sind je nach Bezirk oder je nach Lage in einem Bezirk hochsegregiert, obwohl es doch „Eine Schule für alle“ ist. Der Anteil von Kindern, die von der Zahlung für die Lernmittel befreit sind (lmb-Quote) schwankt z.B. im Bezirk Mitte zwischen 95,7(!) und 4,7%. Wenn das keine Segregation ist, was dann?  Und dennoch käme keiner, auch keiner von denen, die behaupten, das Hauptübel der sozialen Segregation in der Schule ist die Existenz des Gymnasiums, auf die Idee zu behaupten, an den so segregierten Grundschulen wäre Inklusion nicht möglich.

Wir haben (leider) diese soziale Spaltung von Geburt an, das hindert uns aber überhaupt nicht daran, so früh wie möglich inklusiv zu handeln. Inklusion als Ermöglichung von Teilhabe für alle hilft vielmehr die Auswirkungen der sozialen Spaltungen etwas abzudämpfen, weil sie z.B. ermöglicht, dass Kinder mit den sog. „sozial-emotionalen Störungen“ mit anderen Kindern zusammenlernen können. Dass gerade bei diesen Kindern soziale Faktoren für ihr Verhalten eine große Rolle spielen, ist wohl unbestritten. Ohne die Inklusion und die dafür zur Verfügung gestellten (aber leider nicht mehr immer dafür genutzten) Mittel wären diese Kinder seltener in der Grundschule. Inklusion hilft damit Segregation (hier: Ausgliederung in Förderzentren) zu überwinden.

Inklusion kann aber die Ursachen für „Armut“ (im weitesten Sinne gemeint) nicht aufheben. Dazu bedarf es ganz anderer Maßnahmen bzw. vor allem von erheblich mehr Geld. Dies zur Verfügung zu stellen, darum kämpfen wir politisch, z.B. mit der Forderung nach einer Kindergrundsicherung. Allerdings niemand käme auf die Idee zu sagen, solange es diese Kindergrundsicherung nicht gibt, ist Inklusion in der Grundschule nicht möglich. Bei den Oberschulen soll aber die Segregation Inklusion unmöglich machen. Jedenfalls wird das von Nuri Kiefer seinem Beitrag: „Inklusion und Segregation schließen sich aus“ behauptet. Begründet wird das –auch von anderen- damit, dass das Gymnasium per definitionem selektiert, gemeint ist, dass die Gymnasien einen curricularen Anspruch haben, der nur auf einen Abschluss, das Abitur, ausgerichtet ist und nach dem Probejahr entscheidet, ob zu erwarten ist, dass das Kind diesen Anspruch auf dem Gymnasium gerecht werden wird. Mir scheint dieser Anspruch weniger sozial schädlich zu sein, weil es gute schulische Alternativen gibt, als die allein am Notendurchschnitt orientierten Aufnahmeverfahren vieler ISS, die natürlich auch soziale Segregation fördern. Inklusion wird aber an den ISS nicht in Zweifel gezogen, auch an den sozial segregierten ISS nicht.

Ich widerspreche also ausdrücklich der These: Inklusion und Segregation schließen sich aus.

Meine These ist dagegen:  Keine Schule, keine Schulart darf und kann von Inklusion grundsätzlich ausgenommen werden, für jede Schule und jede Schulart ist aber Inklusion eine Herausforderung und ein Prozess. Keine Schule, keine Schulart bleibt dabei unverändert.

Während Inklusion im engeren Sinne in der Grundschule und in den integrierten Oberschulen schon eingeübt ist, ist sie für Gymnasien vielfach noch Neuland, jedenfalls wenn es sich nicht um körperliche Handicaps geht, bei denen in der Regel zielgleich unterrichtet wird. Wenn Eltern und Kinder, die zieldifferent unterrichtet werden, die Aufnahme auf einem Gymnasium wünschen, muss dies möglich sein, auch wenn es mir persönlich schwerfällt, darin einen Sinn zu sehen, aber es mag solche Einzelfälle geben. Und dass sich Gymnasium und Inklusion möglich ist, bestätigt im übrigen Nuri Kiefer selber, wenn er von einer „inklusiven gymnasialen Oberstufe“ spricht. Wenn das ab Klasse 11 möglich ist, dann ist es auch ab Klasse 7 möglich. Ente oder trente.

Dafür dass Inklusion (auch im weiteren Sinne) an Gymnasien möglich ist, gibt es auch eine Reihe praktischer Beispiele und damit meine ich nicht nur das Fichtenberg-Gymnasiums, das auch sehbehinderte Schüler*innen besuchen. Auf der Homepage findet sich der bemerkenswerte Satz: Wir befinden uns auf dem Weg von der Integration zur Inklusion und unser Schulprogramm spiegelt einen Zwischenstand auf dem Weg zu einem inklusiven Gymnasium wider. Dabei sind wir uns des Widerspruchs zwischen einem Gymnasium als Schulform und einer inklusiven Schule bewusst.

Unter den 91 Berliner Gymnasien sind 12, die eine lmb-Quote haben größer als 30%. Bei 5 Gymnasien liegt der Anteil sogar über 50%, zwei davon liegen in Neukölln. Eines davon ist die Ernst-Abbe-Schule, die sich in besonderem Maße der Sprachförderung angenommen hat und sich sehr bemüht, dass niemand verloren geht, d.h. diese Schule leistet nicht nur einen Beitrag zur sozialen Inklusion sondern auch zur sprachlichen Teilhabe. In einem Bericht über die Schule heißt es u.a.:

Mittendrin eine Schule, der man bei oberflächlicher Betrachtung alle Merkmale des Scheiterns zuschreiben würde: fast 100% Einwandererkinder, 60% arabischstämmig, 30% ohne Gymnasialprognose, sozialer Brennpunkt (70% der Schüler*innen sind lernmittelbefreit). Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen.  . Im Zentrum der Pädagogik der Schule steht die Sprachförderung in allen Unterrichtsfächern, wie der Schulleiter immer wieder betont. Aber auch die Multikulturalität wird nicht als Belastung, sondern als Herausforderung begriffen. „Wir haben hier ja eine Schülerschaft, deren große Mehrheit aus Familien nichtdeutscher Herkunftssprache stammt, die zudem oft auch ärmer sind und insgesamt eigentlich bildungsfern, wie man so schön sagt.“

Es herrscht eine Willkommenskultur, die sich in den zunehmenden Anmeldezahlen widerspiegelt. „Die Schüler sind friedlich, es gibt hier kaum Konflikte. Mit fast 600 Schülern ist es außerdem eine kleine Schule, an der sich die Lehrkräfte und die Sozialpädagogen sehr stark um ihre Schülerinnen kümmern und auch kümmern können. Dieses harmonische Verhältnis ist, glaube ich, der Hauptgrund, warum Schüler zu uns kommen und nicht an eine andere Schule gehen.“

Stolz ist der Schulleiter darauf, dass die meisten Schüler*innen ohne Gymnasialprognose trotzdem das Probejahr bestehen und die Schule nicht verlassen müssen. Von den 36 Neuaufgenommenen mit Sekundarschulprognose haben dies 21 im letzten Schuljahr geschafft. Der Schulleiter legt viel Wert auf den Kontakt mit den abgebenden Grundschulen. „Das Verlassen der Schule sollte die absolute Ausnahme sein, ist unsere Maxime. Zusätzlich haben wir auch sogenannte Brückenkurse, zu denen die Schüler aus der Grundschule zu uns kommen und uns so schon vor dem Wechsel kennenlernen können.“

Weitere Beispiele von inklusiven Gymnasien sind unter den Preisträgern des Deutschen Schulpreises zu finden. Die Wirklichkeit ist viel vielfältiger als solche apodiktischen Sätze wie: Inklusion und Segregation schließen sich aus, uns weismachen wollen.

Dirk Jordan ist Mitglied der LAG Bildung und Volksbildungsstadtrat a.D.

 

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