Inklusion und Segregation schließen sich aus

Von Nuri Kiefer

Mit dem Begriff Inklusion verbinden viele die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gesamtgesellschaft. Dies hängt leider vor allem damit zusammen, dass die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention den Blick sehr schnell auf diesen Teilaspekt verengt. Doch das Konzept der Inklusion umfasst wesentlich mehr. Es verfolgt das Ziel der Teilhabe aller Individuen an allen gesellschaftlichen Aktivitäten und Prozessen.

Auf den Schulbereich übertragen heißt dies: Alle Kinder und Jugendliche sollen gemeinsam unterrichtet und individuell gefördert werden, unabhängig von ihrer ethnischen, sozialen oder nationalen Herkunft, vom Einkommen oder Bildungsstand ihrer Eltern, ihrer körperlichen oder geistigen Disposition, ihren Begabungen und Neigungen, ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung.

Ein hoher Anspruch. Und viele – vor allem aus konservativen gesellschaftlichen Schichten – sind der Auffassung, er sei vor allem im Kontext von Schule und Unterricht nicht einlösbar. Aber auch diejenigen, die sich mit Verve für ein inklusives Bildungssystem einsetzen, kommen nicht umhin ernüchtert festzustellen, dass die hoch differenzierte deutsche Schullandschaft denkbar schlecht gerüstet ist für diesen anspruchsvollen Transformationsprozess. Und das liegt nicht in erster Linie an der mangelhaften Barrierefreiheit eines Großteils der Bildungseinrichtungen. Es sind vor allem die unzureichenden schulischen Bedingungen, unter denen derzeit in ganz Deutschland eine Pseudoinklusion seitens der jeweiligen Landesbildungspolitik verordnet wird. Diese machen es schwer bis teilweise unmöglich, Kinder und Jugendliche mit besonderen Förderbedarfen gelingend zu inkludieren.

Inklusionspädagogisches Fachpersonal fehlt

Was die Umsetzung einer inklusiven Pädagogik an den Schulen derzeit am meisten behindert, ist der Mangel an Personal, das im Hinblick auf die besonderen Anforderungen im Bereich der sonderpädagogischen Förderung grundständig ausgebildet oder fundiert nachqualifiziert wurde. So brachte eine Antwort der Senatsbildungsverwaltung auf eine Anfrage des Landesschulbeirates Berlin Ende 2016 zutage, dass an rund 250 allgemein bildenden Schulen der Hauptstadt Schüler*innen mit den sonderpädagogischen Förderbedarfen Lernen und geistige Entwicklung zieldifferent im gemeinsamen Unterricht inkludiert werden, ohne dass es dort eine sonderpädagogische Fachkraft für diese Förderbereiche gab. Zwar werden aufgrund des neuen Lehrkräftebildungsgesetzes des Landes Berlin künftig mehr Pädagog*innen über inklusionspädagogische Kompetenzen verfügen. Doch bis diese Lehrkräfte in größerer Anzahl an den Schulen arbeiten, dauert es noch Jahre.

Die Schulstruktur behindert eine echte Inklusion

Unser Bildungssystem lässt es an zu vielen Stellen zu, dass Schüler*innen mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen vor allem auf dem Hintergrund ihrer sozialen Herkunft in unterschiedliche Bildungsgänge und Schulformen einsortiert werden. Befürworter*innen eines gegliederten Schulsystems behaupten, nur so könnten die Heranwachsenden bestmöglich gefördert werden. Und es gibt natürlich auch passende Studien, die dies belegen. Daher mag keine Landesregierung bundesweit sich auf einen ideologischen Kampf um die Schulstruktur einlassen, ganz unabhängig von der parteilichen Couleur. Doch eines muss allen, die an den unterschiedlichen Stellen Verantwortung tragen, klar sein: Gleichzeitig inklusiv und selektiv, das passt nicht zusammen!

Und so müsste die Bildungslandschaft nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland radikal verändert werden. Jedwede Form von Segregation müsste abgeschafft werden, was nichts anderes heißt, als dass es im Schulbereich nur noch eine allgemeinbildende Schulform von Klasse 1-10 gibt, auf die dann ein inklusives Berufsschulwesen und eine inklusives gymnasiales Oberschulwesen aufbaut. Davon sind aber alle Bundesländer noch meilenweit entfernt. Es gibt zwar verschiedene Modelle, wenigstens einen Teil der Bildungslandschaft inklusiver zu gestalten. Doch dabei geht es in erster Linie nur darum, dass Landesregierungen möglichst ressourcenneutral sich im Ansehen der Elternschaft einen scheinbar modernen, inklusionsfreundlichen Anstrich verpassen möchten. Die Qualität dessen, was vielerorts als gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf völlig unzureichend vorbereitet den Schulen verordnet wird, spielt keine Rolle.

Was die inklusive Schule braucht

Ein System der Auslese und Segregation, dass sich in über 130 Jahren jüngerer deutscher Schulgeschichte fest im Bewusstsein der Nation und auch der Pädagog*innenschaft verankert hat, lässt sich nicht innerhalb von wenigen Jahren transformieren, noch dazu, wenn landauf-landab ein echter politischer Wille fehlt. In der nächsten Zeit muss daher die Aus-, Fort- und Weiterbildung mit inklusionspädagogischen Inhalten zum Schwerpunkt der Anstrengungen gemacht werden. Dabei sind alle pädagogischen Professionen zu berücksichtigen, ihre Attraktivität und Qualität ist zu steigern. Genügend hervorragend qualifiziertes Personal an allen Schulen ist die Grundvoraussetzung für eine gelingende Umsetzung von guter inklusiver Schule. Parallel dazu müssen regional für jeden Sozialraum standortgenau die spezifischen Situationen an den einzelnen Schulen analysiert werden. Sodann sind auf dieser Grundlage nach einem schulbezogenen Sozialindex die Ressourcen zu berechnen. Auch müssen den Schulen endlich verlässliche Vertretungsressourcen im Umfang von 10% der zugemessenen Regelversorgung bereitgestellt werden. Die Klassenobergrenzen dürfen 20 Kinder nur in Ausnahmesituationen überschreiten. Und schließlich müssen die Schulen im Zuge von Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen so ausgestattet werden, dass Räume für differenziertes Lernen, Räume als Rückzugsmöglichkeiten, Bewegungs- und Therapieräume, Räume für den hygienischen Bedarf sowie Team- und Arbeitsräume zur Verfügung stehen.

Die Ressourcen, die derzeit noch im gegliederten System (einschließlich der Förderschulen) stecken, müssen im Zuge der Transformation hin zu einem inklusiven Schulsystem vollständig erhalten bleiben. Für die „inklusive Schule für alle“ sind aber auch zusätzliche, nicht zuletzt sonderpädagogische Ressourcen erforderlich. Eine inklusive Gesellschaft wird erst dann verwirklicht sein, wenn das Schulsystem inklusiv gestaltet ist. Alle Bundesländer müssen sich daher konsequent und ohne Ausnahmen vom gegliederten und trennenden Schulsystem verabschieden.

Nuri Kiefer ist Rektor der Grundstufe der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule in Charlottenburg-Wilmersdorf und Mitglied der LAG Bildung von Bündnis 90/Die Grünen Berlin.