Mehr Geld für Privatschulen? Ein Blick ins Schwedische Bildungssystem

Von Vera Pohl

Das Thema Privatschulen ist für uns Grüne irgendwie ein Dilemma: Wir wollen gleichere Chancen für alle Kinder, aber wir wollen auch Raum für alternative Bildungskonzepte. Wir wollen ein liberales Bildungskonzept, in dem nicht nur der Staat Kinder bildet, aber wir wollen auch mehr soziale Durchmischung im Klassenzimmer. Unsere linke Stimme kämpft mit unserer liberalen Stimme.

Ein Praxis-Problem, das momentan viel diskutiert wird, ist die Finanzierung von Privatschulen. Gewöhnlich bekommen in Deutschland Privatschulen nur 60-93% der Finanzierung, die staatliche Schulen erhalten. Oft wird diese Finanzlücke dann mit Schulgeld überwunden. Schulgeld stellt aber offensichtlich genau für die Familien, deren Kinder wir gern mehr in diesen Schulen sehen würden, eine Hürde da.

Wäre also eine gleiche Finanzierung von Privatschulen und damit die Abschaffung des Schulgeldes nicht ein logischer Schritt in Richtung weniger Segregation?

Da Schulreformen meist so komplex sind, dass die genauen Folgen schwer einzuschätzen sind, kann es hilfreich sein, einen Blick in andere Länder zu werfen. (Natürlich kann nicht immer alles eins zu eins übertragen werden, es gibt viele verschiedene Faktoren, die die Effekte von Reformen beeinflussen, aber mögliche Trends lassen sich zumindest vermuten.)

Das Land, das radikal freie Schulwahl, viele Privatschulen und trotzdem strikt kostenfreie Bildung anbietet, ist Schweden. (Der Blick nach Skandinavien ist auch deshalb spannend, weil es in allen Debatten immer so ein bisschen wie ein kleines, grünes Paradies rüber kommt – zumindest haben wir doch alle ein eher positives Bild von Schweden.) Die Freie-Schulwahl-Reform fand in Schweden in den 1990er Jahren statt, seitdem wurde ein paar Mal nachjustiert. Vor 1990 gab es ein klares "eine Schule für Alle"-System und der Anteil von Privatschulen lag bei etwas unter 1% (konfessionelle Schulen, Eliteschulen und Schulen mit alternativen pädagogischen Konzepten).

Seit den Reformen können in Schweden Eltern und Schüler*innen theoretisch jede Schule im Land wählen, es sei denn, diese hätte keinen Platz mehr frei.

Private wie öffentliche Schulen müssen spezifische Anforderungen erfüllen – z.B. Kostenfreiheit für alle, Zugänglichkeit der Schule für alle und die Aufnahme aller Bewerber*innen, die die allgemeinen formalen Voraussetzungen erfüllen, es sei denn, es gäbe nicht genug Plätze. In diesem Fall sind als einzige Kriterien zur Auswahl der Schüler*innen zulässig: 1. Nähe des Wohnorts zur Schule, 2. Zeit auf der Warteliste und 3. Geschwisterkinder an der Schule. Private Schulen werden von der Schulverwaltung genehmigt und regelmäßig überprüft. Private wie staatliche Schulen erhalten den gleichen pro Kopf-Betrag für jede*n Schüler*in. Während staatliche Schulen Überschüsse zurückzahlen müssen, können private Schulen Gewinn erwirtschaften.

Diese Regelungen haben zu einer Reihe von unintendierten Effekten geführt: Große Bildungsunternehmen, die teilweise beachtliche Gewinne zu verzeichnen haben, dominieren zunehmend das private Schulangebot. Während zu Beginn eher einige alternativ-pädagogische Träger private Schulen führten, nehmen die For-Profit-Player in diesem Bereich massiv zu; gleichzeitig steigt der Prozentsatz an Privatschüler*innen massiv. Dies hat jedoch zur Folge, dass die Privatschullandschaft ihre Diversität verliert. Anstatt mit alternativen pädagogischen Konzepten, locken Privatschulen mit kostenlosen Führerscheinen oder sogar schulfreien Mittwochen. Intensiv diskutiert wurden in Schweden zudem Berichte, nach denen Privatschulen bessere Noten vergeben, um mehr Schüler*innen anzulocken. Auch die Qualifikation des Lehrpersonals ist an staatlichen Schulen statistisch höher als an privaten.

Was aber bleibt, ist die soziale Segregation: auch in Schweden besuchen anteilig mehr Schüler*innen aus Mittelklasse-Familien private Schulen, als Kinder mit einem bildungsferneren sozialen Hintergrund. Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Schulwahl trotz Kostenfreiheit in bildungsnäheren Familien deutlich häufiger aufgrund des Schulprofils getroffen wird als in Familien mit einem niedrigeren allgemein bildenden Abschluss der Eltern.

Der Hype des schwedischen Bildungssystems ist vor Ort schon längst abgeklungen, es wird Zeit, auch unser Bild der Realität anzupassen.

Weder der Verlust an Diversität in der Privatschullandschaft, noch die Profitorientierung von Bildungsträgern, noch niedrigere Standards in der Qualifikation des Lehrpersonals sind erwünschte Effekte grüner Bildungspolitik. Dies sollte in einer Debatte um mögliche Reformen berücksichtigt werden, damit nicht gute Intensionen zu neuen Problemen führen.

Vera Pohl studiert Erziehungswissenschaften und ist Mitglied der Grünen Jugend.

 

Quellen:

  • Arreman, Inger Erixon; Holm, Ann-Sofie (2011): School as “Edu-business”: Four “serious players” in the Swedish upper secondary school market. In: Education Inquiry (Vol. 2, No. 4), S. 637–657.
  • Böhlmark, Anders; Holmlund, Helena; Lindahl, Mikael (2016): Parental choice, neighbourhood segregation or cream skimming? An analysis of school segregation after a generalized choice reform. In: J Popul Econ 29 (4), S. 1155–1190. DOI: 10.1007/s00148-016-0595-y.
  • Böhlmark, Anders, Lindahl, Mikael (2015): Independent Schools and Long-run Educational Outcomes: Evidence from Sweden’s Large-scale Voucher Reform. In: Economica (82), S. 508–551.
  • Clausen, Marten: Warum wählen Sie genau diese Schule? Eine inhaltsanalytische Untersuchung elterlicher Begründungen der Wahl der Einzelschule innerhalb eines Bildungsgangs. Zeitschrift für Pädagogik 52 (2006) 1, S. 69-90
  • Falkenberg, Kathleen, Vogt, Bettina & Waldow, Florian (2015): Bildungsmarkt in Bullerbü: Zur aktuellen Debatte über die „Schulkrise“ in Schweden. In: Die Deutsche Schule (107(2)), S. 104–118.
  • Koinzer, Thomas; Leschinsky, Achim (2009): Privatschulen in Deutschland. In: Zeitschrift für Pädagogik 55 (5), S. 669–685.
  • Skolverket (2014): Private actors in preschools and schools - A mapping of independent education providers and owners in Sweden; Swedish National Agency for Education, Stockholm, 2014

 

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