Nur "Qualität für alle" hilft

Von Dirk Jordan

Im Bildungsdebattenblog sind von Anne Albers und Meike Berg  zwei Beiträge erschienen, in denen sie im ersten Beitrag beschreiben, warum sie die Formel der "Einen Schule für alle" richtig finden und in dem zweiten Beitrag, dass die Berliner Gemeinschaftsschule ein Erfolgsmodell sind und das Projekt für mehr Bildungsgerechtigkeit. Sie schreiben u.a.: "Die Berliner Gemeinschaftsschulen (GemS) zeigen, wie erfolgreich "Eine Schule für alle Kinder" sein kann. Jetzt gilt es, DAS politische Projekt für mehr Bildungsgerechtigkeit auch in großen und kleinen Schritten zu ermöglichen."

Leider sieht die Realität, auch an den Berliner Gemeinschaftsschulen anders aus als Anne Albers sie an der Fritz-Karsen-Schule erlebt und beschreibt.

Und leider lassen sich die internen wie externen Bedingungen, wie sie an der Fritz-Karsen-Schule herrschen, nicht durch politische Mehrheiten, Schulgesetzänderungen u. ä. herstellen. 

Die wesentlichen Voraussetzungen des (unbestrittenen) Erfolgs der Fritz-Karsen-Schule ist der (im Bezirksmaßstab) unterdurchschnittliche Anteil "armer" Kinder und vor allem ein überaus engagiertes Kollegium, das Inklusion lebt und dessen Elternschaft das Konzept mitträgt.

Wenn in Neukölln an 7 von 12 integrierten Schulen der Anteil "armer" Kinder (= Anteil der Lernmittelbefreiung) über 70% beträgt, dann hilft diesen Kindern "Eine Schule für alle" nicht, denn auch wenn in Neukölln alle Jugendlichen nur noch auf integrierte Schulen gingen, betrüge der Anteil armer Jugendlicher im Durchschnitt immer noch 60%.

Diesen Jugendlichen würde vor allem eine gute Kinder-Grundsicherung helfen, sowie eine wirkungsvolle und vorurteilsfreie Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe usw. Hier geht es nicht zuerst um Bildungspolitik, sondern um Sozial-, Familien- und auch Steuerpolitik, hier geht es um Stadtentwicklung und nicht Schulentwicklung.

Kinderarmut und nicht die Schulstruktur ist der entscheidende Faktor für Bildungsungerechtigkeit. Arme Kinder haben es von Geburt an schwerer. Zu behaupten, dass was Kita und Grundschule bisher in 10 Jahren nicht schaffen, zu schaffen wäre, wenn die Kinder noch weitere vier Jahre in der Sekundarstufe I zusammenblieben, ist nicht nachvollziehbar und auch durch nichts belegt.

"Eine Schule für alle Kinder" als Strukturmodell ist nicht DAS politische Projekt für mehr Bildungsgerechtigkeit. Schulen, die auf Qualität für alle achten, ist das, was Schule zur Bildungsgerechtigkeit leisten kann.

Um das zu sichern, geht es im Wesentlichen um zwei Dinge: Zum einen darum, dass und wie sich Schulen auf "ihre" Schüler*innen einlassen. Sind sie die "richtigen" oder wollen die Schulen  (und auch einige bei den Grünen) andere und plädieren für eine "bessere Durchmischung" o.ä. und das vielleicht noch per Beschluss.

Und der andere Hauptpunkt ist, wie Schulen mit der Qualität ihrer Arbeit umgehen. Legen sie sich und anderen Rechenschaft darüber ab, welche Instrumente der internen und externen Evaluation sie nutzen, welche Ergebnisse erreicht werden usw.?

Beide Aspekte sind unabhängig von der Schulform, beide Aspekte gibt es mehr oder minder gut in Schulen aller Schularten. Die Schulart allein, die "Systemfrage" allein bringt es nicht, auch bei den Berliner Gemeinschaftsschulen nicht.

Dazu ein paar Zahlen zum Nachdenken bezüglich der Qualität von Gemeinschaftsschulen:

Nimmt man als Maßstab die Ergebnisse des Mittleren Schulabschlusses dann steht die Fritz-Karsen-Schule super da:  MSA+ 50% und ohne Abschluss nur 4%, die Bezirksdurchschnitte liegen bei 31% und 16%. Aber wenn der Satz stimmt: "Die Erfolge der Berliner Gemeinschaftsschulen können sich sehen lassen.", wie erklärt sich dann, dass nur 4 km entfernt von der Fritz-Karsen-Schule am Campus Efeuweg  die dortige Gemeinschaftsschule 26% der Abgänger die Schule ohne Abschluss verlassen und nur 20% den MSA+ geschafft haben?  Alles Werte schlechter als der Bezirksdurchschnitt und natürlich auch vieler anderer Gemeinschafts- und Integrierte Sekundarschulen im Bezirk.

Und warum hat die Alfred-Nobel-Schule (ISS), die kaum einen Kilometer weit entfernt von der Karsenschule liegt, so schlechte Werte:  MSA+  20% und ohne Abschluss  29% (!!!)? 

Sind es vor allem andere "Welten", in denen die Schulen liegen? Vieles spricht dafür und weniges für die Schulartfrage. Da muss es doch ganz andere Faktoren geben, warum die Werte einer Schule gut und die einer anderen deutlich schlechter sind.  Darüber zu reden macht m.E. sehr viel mehr Sinn als über "Eine Schule für alle", zumal es ein Trugschluss wäre zu glauben, dass die Fritz-Karsen-Schule so erfolgreich ist, weil sie eine Gemeinschaftsschule ist. Sie war es auch schon als Gesamtschule, also einer anderen Schulart. Sie war und ist erfolgreich, weil sie eine gute Schule war und ist.

Deshalb bin ich ja auch für "Qualität für alle" als zentraler Forderung.

Dirk Jordan ist Mitglied der LAG Bildung und Volksbildungsstadtrat a.D.

 

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