Warum „Eine Schule für alle“?

Von Anne Albers und Meike Berg

Morgens um kurz nach halb 9 in Berlin-Neukölln. Auf dem Sofa liest Ferhat Anisa aus einem Buch vor. Anisa schaut halb Ohr, halb verträumt aus dem Fenster. Draußen toben Junus und Tim im Freigelände. Neben dem Sofa hat Lisa ihren Rollstuhl geparkt. Während Ferhat liest, flüstert Lisas Unterstützungsperson Kurt ihr immer mal wieder etwas ins Ohr. Wenige Minuten später geht der Erzieher Angelo durch den Raum und fordert die Kinder freundlich, aber bestimmt auf, sich langsam auf den Beginn der ersten Lernphase des heutigen Tages vorzubereiten. Die Fachlehrer*innen stellen in den jeweiligen Projektbereichen die Materialien bereit und unterstützen die Schüler*innen dabei, ihren Fragen nachzugehen. Nebenan am Konferenztisch schenkt die Schulleiterin der Steuergruppe „Grüne Schule“ Tee nach. Es gibt viel zu tun!

Inklusionsromantik 2075? Ja, die Realität sieht heute in vielen Berliner Schulen noch ganz anders aus. 25 Schulen haben sich jedoch bereits auf den Weg Richtung Zukunft gemacht. Die Gemeinschaftsschulen im Pilotprojekt versuchen, faire Schulen für alle Kinder sein. Alle Kinder lernen gemeinsam in einer Klasse, es gibt weder A-, B- und C- noch FE-/GA-Kurse, kein Probehalbjahr und auch kein Sitzenbleiben. Jedem Kind mit all seinen unterschiedlichen Bedürfnissen und Startbedingungen soll ein passendes Angebot gemacht und die bestmögliche Unterstützung bei der individuellen Entwicklung auf dem Weg in ein selbstbestimmtes, glückliches Leben ermöglicht werden. Die Gemeinschaftsschulen sind damit nicht nur eine gut funktionierende Alternative zu einem mehrgliedrigen Schulsystem, sondern sie weisen in die Zukunft der Schule.

Die Erfolge der Berliner Gemeinschaftsschulen können sich sehen lassen. „Diesen Schulen ist es in besonderer Weise gelungen, ihren Schülerinnen und Schülern über alle Kompetenzbereiche hinweg weit überdurchschnittliche Lernfortschritte zu ermöglichen.“ schlussfolgert die Senatsbildungsverwaltung aus den Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitstudie der Pilotphase.[1] Es gelingt den Gemeinschaftsschulen deutlich besser als anderen Schularten, in der Praxis echte Inklusion zu machen – mit positiven Auswirkungen für alle Schüler*innen. Und das, obwohl sie einen größeren Anteil an schwächeren Schüler*innen aufnehmen als andere Schulen - als viele andere ISSen, mit denen ihre Ergebnisse in Bezug gesetzt wurden, aber ganz sicher auch andere Schüler*innen als viele Gymnasien.

Was die Gemeinschaftsschulen für ihr Gedeihen benötigen, zeigt die Begleitstudie auf. Die Schulen werden als lebender Organismus von innen heraus entwickelt. Den wissenschaftlich bestätigten Erfolgen ging ein zähes Ringen und viel Arbeit aus den Kollegien voraus. Die Arbeit an Gemeinschaftsschulen erfordert viel Engagement der Kolleg*innen, sie kooperieren rege miteinander und arbeiten in Teams, häufiger als an anderen Schulen. Um Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen im Ganztag von den ersten Leseversuchen bis zum Abitur zu begleiten, braucht es die Kompetenzen mehrerer Professionen.

Berlin braucht Gemeinschaftsschulen, damit gelingende Inklusion keine Sozialromantik bleibt. Im Juni 2017 haben Grüne gemeinsam mit SPD und LINKE den Senat „aufgefordert, dem Abgeordnetenhaus einen Gesetzentwurf für eine Verankerung der Gemeinschaftsschule im Schulgesetz als schulstufenübergreifende Regelschulart, die Grund- sowie Sekundarstufe I und II umfasst, vorzulegen.“[2] Machen wir uns auf den Weg zu einer fairen Schule für alle Kinder!

Anne Albers ist Lehrerin an der Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule in Neukölln, Personalrätin und Mitglied des Landesvorstandes sowie der Bezirksleitung Neukölln der GEW Berlin. 

Meike Berg ist Lehrerin an der Fritz-Karsen-Gemeinschaftsschule und Mitglied im KV Neukölln.

 


[2] http://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/18/DruckSachen/d...

 

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