Zusammenhalt statt Spaltung – warum "länger miteinander und voneinander lernen" zu den Grundsätzen grüner Bildungspolitik gehört

Von Robin Völker

Schule ist sehr viel mehr als ein reiner Lernort, denn Bildung ist vor allem auch Persönlichkeitsbildung. Hier lernen junge Menschen sich selbst kennen, oft die erste Liebe und Freund*innen fürs Leben. Wenn Grüne sich für eine heterogenere Zusammensetzung der Schulen einsetzen, dann hat das nicht nur mit gleichen Bildungschancen für alle zu tun, sondern vor allem auch mit einem egalitären Menschen- und Gesellschaftsbild. „Länger miteinander und voneinander lernen“ ist daher nicht ohne Grund als Leitbild im Grundsatzprogramm von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN festgeschrieben.

Während bis in die 1980er Jahre hinein häufig von einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft gesprochen wurde, scheint sich unser Land immer stärker in eine kulturelle Klassengesellschaft zu entwickeln (Reckwitz, 2016). Das soziale und kulturelle Auseinanderdriften in unserem Land hat enorme Ausmaße angenommen – mit den bekannten politischen Folgen. Anders ausgedrückt: Wenn die U-Bahn bald der einzige Ort ist, wo Mandy, Ahmed, Carl und Charlotte noch aufeinandertreffen, kann ein gutes gesellschaftliches Miteinander, welches auf Solidarität und Akzeptanz des Anderen fußt, nicht mehr gelingen. Eine Schulpolitik, die es sich zum Ziel macht, dass Kinder und Jugendliche – egal woher sie kommen –  gemeinsam unter einem Dach Verständnis und Vertrauen für einander entwickeln, ist vielleicht daher so wichtig wie noch nie.

Bildungspolitik alleine wird diese Entwicklung nicht verhindern oder rückgängig machen können. Aber wie einst die sozialdemokratischen Bildungsreformen der 60er und 70er Jahre, muss Bildungspolitik wieder zentraler Bestandteil progressiver Gesellschaftspolitik sein. Hier besteht großer Nachholbedarf. Wir Grüne müssen Vorreiter dieser Entwicklung im 21. Jahrhundert werden. „Den Umgang mit Vielfalt nicht erlernen zu können und das Menschenrecht auf inklusives Lernen zu verweigern, das sind die zentralen Probleme unseres Schulsystems“ schreibt Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), daher nicht umsonst.

Wer behauptet, dass die soziale Zusammensetzung der Schulen keine Rolle spielt, unterschätzt nicht nur die gesellschaftspolitische Relevanz gemeinsamen Lernens, sondern verkennt vollkommen den Einfluss und die Rolle der Peergroup auf die Entwicklung und den Werdegang von Kindern und Jugendlichen. Wer Mitschüler*innen hat, die zum Klavierunterricht gehen, deren Eltern Regale voller Bücher besitzen oder deren ältere Geschwister an der Uni studieren, haben zumindest schon einmal die Chance andere Lebensstile- und entwürfe kennenzulernen (andersherum gilt selbstverständlich das gleiche).

Was passiert, wenn sich anhand des gegliederten Schulsystems homogene Schüler*innenschaften herausbilden, hat unter anderem die Studie von Bellenberg, Hovestadt und Klemm gezeigt:  Schüler*innen mit beispielsweise gleichen Leistungswerten (!) in Mathematik haben eklatant unterschiedliche Ausbildungswünsche, je nachdem welche Schulart sie besuchen.

Dabei müssen leistungsstarke Schüler*innen keine Angst haben mit leistungsschwächeren Schüler*innen zusammen zu lernen. Eine Analyse der Hamburger Längsschnittstudie KESS zeigt, „dass vor allem die schwächsten Schülerinnen und Schüler in leistungsheterogenen Schulklassen hinsichtlich ihrer Entwicklung profitieren konnten, während sich für die Leistungsspitze keine Nachteile abzeichneten“ (Scharenberg, 2012).

Zudem zeigt gerade die Berliner Gemeinschaftsschule in der wissenschaftlichen Begleitstudie, dass alle Schüler*innen vom gemeinsamen Lernen profitieren können. Andreas Schleicher, Bildungsdirektor bei der OECD und internationaler Koordinator für die PISA-Studien, kommt daher ebenfalls zu dem Schluss, dass „eine stärkere soziale Durchmischung an den Schulen vor allem sozial benachteiligten Schülern hilft, diesen Teufelskreis zwischen Benachteiligung und schwachen Leistungen zu durchbrechen“.

Robin Völker ist Mitglied im Kreisverband Neukölln.

Quellen:

  • Allmendinger, J. (2012). Schulaufgaben. Wie wir das Bildungssystem verändern müssen, um unseren Kindern gerecht zu werden.
  • Bellenberg, Hovestadt & Klemm (2005). Selektivität und Durchlässigkeit im allgemein bildenden Schulsystem. Rechtliche Darstellungen und Daten unter besonderer Berücksichtigung der Gleichwertigkeit von Abschlüssen. Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.
  • Reckwitz, A. (2016). Gesellschaft der Singularitäten
  • Scharenberg, K. (2012). Leistungsheterogenität und Kompetenzentwicklung. Zur Relevanz klassenbezogener Kompositionsmerkmale im Rahmen der KESS -Studie. Münster: Waxmann. http://www.face-freiburg.de/ringvorlesung1718_scharenberg/
  • Schleicher, A. (2018). OECD: "Vielfalt in Schulen ist ein Vorteil"http://www.dw.com/de/oecd-vielfalt-in-schulen-ist-ein-vorteil/a-42350210.

 

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Kommentare

Robin Völker erklärt noch

Völlig richtig: ZUSAMMENHALT STATT SPALTUNG – WARUM "LÄNGER MITEINANDER UND VONEINANDER LERNEN" ZU DEN GRUNDSÄTZEN GRÜNER BILDUNGSPOLITIK GEHÖRT

Robin Völker erklärt noch einmal, warum Schule ein so wichtiger Ort ist für die soziale Integration und kulturell Enkulturation aller Gesellschaften und der unsrigen in besonderem Maße ist. Er schreibt dies vermutlich, weil er annimmt oder unterstellt, dass es bei den Grünen andere Ansichten gibt, quasi eine „soziale Apartheid“ gewünscht würde. Ich kenne solche Stimmen nicht und sollte er in einem meiner Beiträge das meinen herauslesen zu können, dann kann es nur missverständlich formuliert sein. Für konkrete Hinweise darauf wäre ich dankbar.

Allerdings beginnt sein Beitrag schon gleich mit unklaren Formulierungen oder sehr persönlichen Ansichten, die keineswegs zur grünen Programmatik gehören, so schreibt er z.B.: “Wenn Grüne sich für eine heterogenere Zusammensetzung der Schulen einsetzen“, was so verstanden werden könnte, dass grüne Schulpolitik eine heterogene Zusammensetzung z.B. durch „Durchmischung“ (Bussing) herstellen will. Das ist falsch, grüne Schulpolitik will, dass sich alle Schulen auf die bei ihnen schon vorhandene Heterogenität einstellen. In unserem Wahlprogramm 2017 lautet der entsprechende Satz: „Alle Schulen müssen die Heterogenität ihrer Schüler*innen positiv annehmen.“ (S.16)

Grünen müssen sich auch nicht „für eine heterogenere Zusammensetzung der Schulen einsetzen“, weil es bis auf wenige kommerzielle „Privatschulen“ schon längst keine sozial und kulturell homogenen Schulen in Deutschland oder zumindest in Berlin mehr gibt, wie es bei Robin Völker anklingt, wenn er davon spricht, dass sich „anhand des gegliederten Schulsystems homogene Schüler*innenschaften herausbilden“.

Wohl gibt es aber erhebliche Unterschiede in der sozialen Zusammensetzung (gemessen an dem Prozentsatz der von der Zuzahlung zu den Lernmitteln befreiten Schüler*innen, sog. lmb-Faktor) zwischen Schulen der gleichen Schulart und nicht nur zwischen den Schularten. Oder anders ausgedrückt: Es gibt in Berlin eine Reihe von Schulen, in denen ein sehr hoher Prozentsatz der Kinder „arm“ ist.

Meine Position ist es, dass es die erste Aufgabe einer grünen Kinder-/Jugend-/Familienpolitik sein muss, diese Armut zu bekämpfen, um den Kitas und Grundschulen zu helfen, den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg zu durchbrechen. Diese Aufgabe steht m.E. bisher nicht im Mittelpunkt unserer Politik. Sie ist all dem vorgelagert, was wir an qualitativen Verbesserungen in Kita und Schule erreichen wollen. Es ist m.E. auch eine Verwechslung von Ursache und Wirkung, wenn der sozialen Sprengkraft der Kinderarmut durch die Auflösung der Gymnasien (Gliedrigkeit) begegnet werden soll.

Sollte diese Positionierung von mir, mit dem Satz von Robin Völker kritisiert werden: „Wer behauptet, dass die soziale Zusammensetzung der Schulen keine Rolle spielt, unterschätzt nicht nur die gesellschaftspolitische Relevanz gemeinsamen Lernens, sondern verkennt vollkommen den Einfluss und die Rolle der Peergroup auf die Entwicklung und den Werdegang von Kindern und Jugendlichen“,

so ist dieser Vorwurf hoffentlich jetzt ausgeräumt. Ich empfinde dagegen den dann bei Robin Völker folgenden Satz als tendentiell zynisch für ein Kind, das unter Armut leidet, wenn er schreibt: „Wer Mitschüler*innen hat, die zum Klavierunterricht gehen, deren Eltern Regale voller Bücher besitzen oder deren ältere Geschwister an der Uni studieren, haben zumindest schon einmal die Chance andere Lebensstile- und entwürfe kennenzulernen (andersherum gilt selbstverständlich das gleiche).“

Ich finde, dass es Aufgabe der grünen Politik ist, die Ursachen der Armut zu bekämpfen und nicht nur „schon einmal die Chance andere Lebensstile- und entwürfe kennenzulernen“, zu bieten.

Zu den Sätzen, die m.E. zumindest unterschwellig einen falschen Beiklang haben, gehört auch der Satz: „Aber wie einst die sozialdemokratischen Bildungsreformen der 60er und 70er Jahre, muss Bildungspolitik wieder zentraler Bestandteil progressiver Gesellschaftspolitik sein. Hier besteht großer Nachholbedarf. Wir Grüne müssen Vorreiter dieser Entwicklung im 21. Jahrhundert werden.“

Zu behaupten, dass Bildungspolitik ist den letzten Jahren kein „zentraler Bestandteil progressiver Gesellschaftspolitik“ war, erscheint mir doch etwas sehr merkwürdig zu sein, wenn ich allein daran denke, dass sowohl in Hamburg wie in NRW Wahlen für die Grünen verlorengegangen sind, weil sie der Bildungspolitik einen zentralen Platz eingeräumt hatten.

Es könnte allerdings sein, dass Robin Völker die dort vertretenen grünen Positionen gar nicht als „progressive Gesellschaftspolitik“ versteht, weil sie ja nicht den Kampf gegen das Gymnasium in den Mittelpunkt gerückt hatten.

Zusammenfassend: Es gibt k(aum)eine Differenz im Ziel, wohl aber im Weg. Das „längere miteinander und voneinander lernen“ muss schon in der Kita beginnen und schon dort müssen die Ursachen für den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg wirksam bekämpft werden. Sind wir in Kita und Grundschule erfolgreich damit, dann wird die Wirkung der Gliedrigkeit massiv abnehmen und es sich gut zeigen lassen, dass integrierte Schulen deutlich erfolgreicher sind als Gymnasien. Das was Schulen, die ihr integratives Konzept leben, wie viele der Berliner Gemeinschaftsschulen, schon heute zeigen, kann dann in vielen Schulen Wirklichkeit werden. Verordnen lässt sich das aber nicht, auch nicht durch die Auflösung der Gymnasien.

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