Reisebericht Neuorganisationen von Diensten in Belgien

26.04.19 –

Europa ermöglicht Zusammenarbeit und die Chance zu erkennen, was in anderen Ländern besonders gut läuft. Kurz vor der Europawahl berichten wir über eine Erasmusreise von Antonia. Sie konnte vor Ort sehen, wie gesundheitliche und pflegerische Dienstleistungen in Eupen regional neu aufgestellt wurden. 

Neues aus Europa – Die Neuorganisation von gesundheitlichen und pflegerischen Diensten in Belgien in den „Dienststellen für Selbstbestimmtes Leben.“

Europa ermöglicht Zusammenarbeit und die Chance zu erkennen, was in anderen Ländern besonders gut läuft. Diese Zusammenarbeit wird gefördert durch das Erasmusprogramm der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenorganisationen – BAGSO e.V. Wir waren für zwei Tage zu Gast in Eupen, Ostbelgien; dort wurden im deutschsprachigen Teil von Belgien Veränderungen vorgestellt.

Durch Gesetzesänderungen auf der nationalen Ebene Belgiens wurde der Rahmen für Hilfen in den Bereichen

  • Gesundheitliche Versorgung
  • Ambulante Pflege
  • Rehabilitation und Versorgung mit Hilfsmittel wie z.B. Rollstühle
  • Berufliche Integration
  • Wohnen und Wohnbegleitung
  • Unterstützung im Bereich der Mobilität
  • Prävention

neu aufgestellt. Diese Neustrukturierung gilt für alle Zielgruppen den Kindern, Menschen im Erwachsenen- und im Rentenalter gleichermaßen. Ein wichtiger Bestandteil der Neuorganisation ist die Integration der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in die Einzelheiten der Reform. Mit der UN-BRK, die auch von Deutschland unterzeichnet wurde, steht die sogen. Inklusion von behinderten Menschen in das Hilfe- und Versorgungssystem des Landes im Zentrum.

Die Umsetzung dieser umfassenden Aufgabe erfolgt in den Regionen Belgiens durch die „Dienststelle für selbstbestimmtes Leben“. Die Funktionen dieser Dienststellen werden in einfacher Sprache auf deren Homepage vorgestellt: https://selbstbestimmt.be/

An diese Stelle wenden sich alle Bevölkerungsgruppen mit einem Problem in den genannten Feldern. Wer Hilfe benötigt, kontaktiert zuerst den Fachbereich Orientierung. Dort wird eine Bestaufnahme mit etablierten Instrumenten wie dem Casemanagement[1] und Assesmentsverfahren[2] durchgeführt. Anschließend werden die Betroffenen im Fachbereich eigene Dienstleistungen weiterbetreut. Dazu gehören die ambulante Gesundheitsversorgung und Pflege, Wohnbegleitung, Hilfsmittel und ambulante Beschäftigung. Die Dienststellen arbeiten nach der Methode des Care Managements[3]. Im Bereich Wohnen- und Wohnumfeld geht es um Entlastungsmöglichkeiten rund ums Wohnen, barrierefreies oder barrierearmes Wohnen, Mahlzeitendienste etc., falls erforderlich auch um den Umzug in ein Pflegeheim. Der Bereich Beschäftigung wurde uns nicht näher vorgestellt, weil es um die Beschäftigung von jüngeren Menschen mit einer behinderungsbedingten Einschränkung geht.

Was ist nun das Besondere? Der Fachbereich Orientierung kümmert sich weiter um die Koordinierung der Versorgung, passt das Angebot bei Bedarf an, entwickelt den Hilfebedarf ggf. weiter und bleibt fester Ansprechpartner der Menschen. So haben Ratsuchende und ihre Bezugspersonen eine Stelle an die sie sich dauerhaft wenden können. In Deutschland müssen sich Hilfesuchende individuell durch das System kämpfen, vieles hängt davon ab, ob man Menschen kennt, die sich auskennen. Diejenigen, die weniger in der Lage sind, ihre Rechte zu kennen und einzufordern, bleiben dabei nicht selten auf der Strecke.

Das euroregionale Projekt „Seniorenfreundliche Gemeinden“

Seit 2016 arbeiten neun Partner aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden in 32 Gemeinden grenzüberschreitend in einem Projekt zum Thema seniorenfreundliche Gemeinde in der Euregio Maas-Rhein eng zusammen. Gemeinsames Anliegen sind Aktivitäten und Austausch zu den Bereichen: Prävention, Rehabilitation und Qualitätssicherung. Der Schwerpunkt des Projektes liegt bei der seelischen Gesundheit im Alter; insbesondere Demenz und Altersdepression stehen im Fokus. Ein weiteres Anliegen ist die Patient*innenbeteiligung und ein generationenübergreifender Ansatz. Anliegen ist die gesellschaftliche Aufklärung, was Demenz ist. Dazu werden auch Schulen einbezogen, die z.B. Theaterstücke zu dem Thema initiieren. In lokalen Netzwerken findet ein Austausch statt, wie die Entstehung von Demenz vorgebeugt werden kann. Daraus entstanden Bewegungs- und Aktivierungsprogramme(Teilhabe).

Wie die Aktivierung von älteren Menschen im Einzelnen aussieht, konnten wir in der Begegnungsstätte „Mittendrin“ in Eupen ansehen. http://www.jks-eupen.com/.

Beide Treffpunkte, die wir besuchten, orientieren sich an den Zielen: Selbständigkeit erhalten, Gemeinschaft fördern und generationsübergreifende Begegnungen unterstützen.  In der Begegnungsstätte „Mittendrin“ kann an jedem Werktag ein Mittagessen zu einem kleinen Preis  eingenommen werden. Dieses Angebot wird regelmäßig von vielen Älteren genutzt. Essen in Gemeinschaft fördert Kontakte und Aktivitäten.  Es gibt ein großes Angebot von sportlichen Aktivitäten und Wanderungen. Ehrenamtliche Helfer betreuen Kurse bei denen z.B. belgische Pralinen hergestellt werden, Computerkurse angeboten und kleinere Reparaturen durchgeführt werden können. Ein Fahrdienst für kranke Menschen in Diagnose-und Therapiezentren der Region entlastet die Angehörigen. http://www.jks-eupen.com/#fahrdienst.Die Betreuung wird durch haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen wahrgenommen.

Bei dem Treffen in „der Eiche“ wurden uns die präventiven Angebote vorgestellt. Dazu zählen Bildungsangebote, Sport und Tanz, Gruppenreisen, Seniorennachmittage, Reisen, Vorträge. http://www.die-eiche.be/ Regelmäßig werden dort Vorträge zu Patientenverfügungen, Vorsorgevollmachten etc. angeboten. Musterformulare können im Internet heruntergeladen werden.

Aufgaben von Seniorenbeiräte und deren Verankerung in der Gemeindestruktur

Die Vorsitzende des Seniorenbeirats einer ländlich geprägten Umlandgemeinde von mehreren Dörfern mit insgesamt 11.000 Einwohner*innen stellte uns die Arbeit dieser ehrenamtlich tätigen Beiräte exemplarisch vor. Der Seniorenbeirat existiert seit 2005 und wird durch die Gemeinde bezuschusst. Es ist ein Gremium der Seniorenvertretung mit der Aufgabe, Anregungen, Anfragen, Empfehlungen und Stellungnahmen zu seniorenrelevanten Themen an die Gemeindevertretung heranzutragen. Dazu findet alle zwei bis drei Monate eine nicht öffentliche Sitzung im Gemeindehaus statt. Bindeglied zwischen dem Seniorenbeirat und der Gemeindevertretung ist die/der Sozialschöff*in, ein gewähltes Mitglied im Gemeinderat mit der expliziten Aufgabe, die Anfragen, Empfehlungen und Stellungnahmen der älteren Bevölkerung  aufzugreifen und in Beschlüsse der Gemeindevertretung münden zu lassen. Weitere Aufgaben des Seniorenbeirats sind die Vernetzung der vorhandenen sozialen Angebote, Beratung vor Ort sowie die Förderung der Senioren zur Selbsthilfe und Selbstorganisation. Diese ebenfalls  ehrenamtliche Tätigkeit  wird durch eine bezahlte Koordinatorin mit 45 Stunden im Monat unterstützt. https://www.eupen.be/leben-in-eupen/gesundheit-und-soziales/im-alter/seniorenbeirat/

 


[1] Case Management: ist eine Verfahrensweise in soziale Einrichtungen der medizinischen und pflegerischen Versorgung, um bedarfsentsprechend im Einzelfall eine nötige Unterstützung, Behandlung, Begleitung, Förderung und Versorgung von Menschen angemessen zu koordinieren. „Der Handlungsansatz ist zugleich ein Programm, nach dem Leistungsprozesse in einem System der Versorgung und in einzelnen Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens effektiv und effizient gesteuert werden können. (…)Case Management soll Fachkräfte im Sozial- und Gesundheitswesen befähigen, unter komplexen Bedingungen Hilfemöglichkeiten abzustimmen und die vorhandenen institutionellen Ressourcen im Gemeinwesen oder Arbeitsfeld koordinierend heranzuziehen. Aufgabe ist es, ein zielgerichtetes System von Zusammenarbeit zu organisieren, zu kontrollieren und auszuwerten, das am konkreten Unterstützungsbedarf der einzelnen Person ausgerichtet ist und an deren Herstellung die betroffene Person konkret beteiligt wird.“ https://www.dgcc.de/case-management/

[2] In Pflege- und Gesundheitsassesmentverfahren wird das Ausmaß eines Problems mit Hilfe von strukturierten Erhebungsverfahrene ermittelt und daraus der individuelle Hilfe- und Unterstützungsbedarf abgeleitet. https://www.kinaesthetics-trainer.de/download/assessment_inderpflege.pdf

[3] Care Management Definition: „Mit Care Management wird das gesundheits- und sozialpflegerische Hilfesystem in einer Stadt oder Region bezeichnet. Die beteiligten Dienste, Ämter und Einrichtungen sollten zusammenarbeiten und über die jeweiligen Angebote Bescheid wissen. Wichtig für Patienten, Angehörige und Pflegebedürftige ist die Verzahnung und Abstimmung zwischen medizinisch-(teil)stationärem Behandlungs- und ambulant-häuslichem Pflegesystem.“ https://www.caritas.de/glossare/care-management