Demokratie beginnt im Schulsystem

Von Jochen Schlenk

Demokratie ist kein Selbstläufer. Das ist uns mit den Wahlerfolgen der AfD schmerzlich bewusst geworden. Dabei wurde die AfD ja gerade nicht wegen ihrer durchdachten, in sich stimmigen Positionen gewählt, sondern aus bloßem Protest gegenüber der bestehenden Parteienlandschaft. Das dominierende Gefühl war die eigene Stimmlosigkeit und das Bild von Politiker*innen, die sich ja sowieso nicht mehr für das Wohlergehen „des Volkes“ interessieren, sondern stattdessen für das der Ausländer und Minderheiten.

Dem ganzen liegen schmerzlich falsche Vorstellungen von und vor allem Unwissenheit über die Politik zugrunde. So fällt oftmals bereits die Unterscheidung von Oppositions- und Regierungsfraktionen schwer, von der Trennung zwischen Bundestag und Bundesregierung ganz zu schweigen. So antwortete ein Mann auf die Frage, warum er sich für die AfD entschieden hatte: „Ich habe jahrelang die Linke gewählt, mehr Geld habe ich deshalb aber nie bekommen.“

Die Antwort ist Bildung. Um dabei die ganze Bevölkerung zu erreichen und nicht nur – wie leider viel zu oft – lediglich die bereits Engagierten und Interessierten, kann diese Aufgabe im Kern nur der Schule zukommen. An dieser Stelle muss ich mich deshalb dann doch wundern, wie stiefmütterlich der Politik-Unterricht in den Lehrplänen der Bundesländer behandelt wird. Im Schnitt 20 Minuten dauert der Politik-Unterricht pro Woche in Deutschland in der Sekundarstufe I. Die Folgen sind dramatisch und finden in den Erfolgen der AfD ihren Tiefpunkt.

In Berlin soll politische Bildung Dank des Landesschülerausschuss jetzt zwar ausgebaut werden. Die Kürzungen stattdessen im Bereich der Ethik/Philosophie vorzunehmen, finde ich allerdings angesichts der Werteerosion, die sich ebenfalls in den Ergebnissen der AfD widerspiegelt, mindestens genauso problematisch. Ich möchte nicht die Bedeutung der anderen Schulfächer für ein umfassendes Bildungsangebot schmälern. Solange jedoch ein großer Teil der Bevölkerung denkt, dass Abgeordnete nur in der Zeit arbeiten, in der sie im Parlamentsplenum sitzen, klatschen und buhen, müssen die Prioritäten klar zu Gunsten von Politik und Ethik gesetzt werden. Geradezu absurd wirkt angesichts all dessen die Forderung der FDP nach der Einführung von Wirtschaftsunterricht.

Aber auch der Politik-Unterricht selbst muss, um das Bulimie-Lernsystem der Schüler*innen auszuhebeln, anders ausgestaltet werden. Demokratie darf man nicht lernen, sondern muss man erleben. Erst die Erfahrung, was die eigene Stimme, der eigene Einsatz in der Gesellschaft bewirken und gerade auch nicht bewirken kann, lässt uns die Demokratie wertschätzen und verstehen. Nicht ich bin „das Volk“, sondern ich bin auch das Volk, heißt es dann. Also Bücher zu und ran an die Projekte. Die Klasse sucht ein Thema aus, sei es eine Tischtennisplatte auf dem Schulhof, die Taktung der Schulbusse oder der Kampf gegen den Klimawandel. Je nachdem werden dann Politiker*innen eingeladen, Demonstrationen organisiert oder Briefe geschrieben. Ganz von allein lernen die Schüler*innen so, welche Parteien ihren Interessen entsprechen und wer welche Entscheidungen wie trifft und warum.

Das Aufkommen des Rechtspopulismus ist freilich vielschichtiger als mangelndes Wissen über die Funktionsweise von Politik. Trotz allem bin ich mir sicher, dass wir schlimmeres verhindern können, wenn wir schon früh im Bildungssystem aufzeigen, was Partizipation und Demokratie bedeutet. Als Schüler haben mich viele Dinge an meiner Schule gestört, nur bin ich nie auf die Idee gekommen, selbst auf Veränderungen hinzuwirken. Vielleicht weil ich nicht wusste wie, vielleicht weil ich nicht das nötige Selbstvertrauen hatte. Ein Schubs in der Schule hätte mir ganz sicher gut getan.

Jochen Schlenk ist Mitglied im KV Charlottenburg-Wilmersdorf.

 

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Kommentare

Demokratie ist kein

Demokratie lernen durch Demokratie leben

Demokratie ist kein Selbstläufer, da hat Jochen Schlenk völlig recht und ob die Einführung eines "Politik"-Fachs und dann noch auf Kosten von Ethik/Philosophie viel helfen wird, gegen einfache Lösungen und abwertende oder gar niedermachende Haltungen anzukommen, finde auch ich zweifelhaft.

Glücklicherweise gibt es aber längst Schulen, die begriffen haben, dass man Demokratie am besten lernt , wann man sie lebt, auch in Berlin. Da gehört die Gestaltung des Schulalltags zu dem, was von den Schüler*innen mitgestaltet wird, da gibt es "Fächer" wie Verantwortung, da erfahren die Schüler*innen tatsächliche Herausforderungen, an denen sie sich stärken können. Solange das größte "Abenteuer" in der Schule die Klassenarbeit oder Präsentation ist, hat Schule noch keinen Weg gefunden, Jugendliche auf ihrem Weg in ein demokratisches Leben gut zu begleiten.

Für grüne Bildungspolitik sind das alles selbstverständliche Bestandteile einer guten Schule, die auch immer eine demokratische sein muss. Glücklicherweise gibt es auch die rührige Gesellschaft für Demokratiepädagogik , auch in Berlin. (http://www.degede.de/)

Dirk Jordan. LAG Bildung

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