Bei Startups das Potential aller Geschlechter nutzen

Beschluss der Landesdelegiertenkonferenz am 7. Dezember 2019

Wir Grüne glauben, dass alle Geschlechter wertvolle Arbeit in sämtlichen Bereichen und Ebenen der Wirtschaft leisten. Wenn das stimmt, ist eine Quote von lediglich 25% Frauen in Führungspositionen [1] eine enorme Vergeudung von Potential. Um mehr Frauen in Führungsetagen zu bringen, müssen wir bei den Vorreiterinnen beginnen, zum Beispiel bei Frauen, die Startups gründen. Eine Frauenquote von nur 15% bei Startup-Gründungen [2] ist hierbei ein Armutszeugnis für den Stand der Gleichberechtigung in Deutschland und auch ein Hemmnis dabei, Mädchen für technologische Berufe zu begeistern – denn die Innovationsleistung von Startups liegt oft im ohnehin männerdominierten Bereich digitaler Produkte und Hightech. Die Bundesregierung setzt bei der Unterstützung von Gründerinnen lediglich auf Informationen, Netzwerktreffen, Mentoring und Ähnliches, und erzielt damit keinen spürbaren Fortschritt. Dies ist wirtschaftlich besonders ungünstig, da auch international Innovatorinnen nicht verstärkt angeworben werden können. Wir wollen die internationale Sichtbarkeit Berlins und dessen Attraktivität als Raum für Innovation und Diversität nutzen, um einen Schritt in Richtung Geschlechterchancengleichheit zu gehen und dabei langfristig den Fachkräftemangel in den digitalen und hochtechnologischen Zukunftsbereichen zu bekämpfen.

Berlin ist noch immer die Gründungshauptstadt (40% aller Finanzierungsrunden in Deutschland [3]), es gibt aber auch Anzeichen für einen Rückgang der Innovationskraft [4]. Auch in Berlin ist im Bereich der Gründungsförderung für Startups das von BMWi und ESF bereitgestellte Exist-Stipendium das zentrale Förderwerkzeug. Aufgrund attraktiver Konditionen (bis zu 3.000 Euro monatlich pro Person, einjährige Förderung mit sehr großem Freiraum, diverse Zusatzleistungen) gilt es als der Erste-Klasse-Weg in die Selbständigkeit. Seit Beginn des Förderprogramms werden jährlich bis zu 27 Mio. € für über 200 Gründungen zur Verfügung gestellt [5]. Das Exist-Programm ist unter Gründer*innen beliebt, da es attraktivere Konditionen als bspw. das Berlin Startup-Stipendium beinhaltet. Im Vergleich mit dem GründungsBonus, der anfallende Kosten gegründeter Unternehmen teilabdeckt, fördert Exist Gründer*innen persönlich, auch bereits vor der Gründung, und gibt Gründer*innen so die Zeit, die Geschäftsidee grundlegend auszuarbeiten (was besonders unter Gründerinnen ein Bedürfnis ist [2]). Vorrangige Bedingung für eine Exist-Förderung ist die Umsetzung einer technischen Innovation aus Studium oder wissenschaftlicher Forschung. Diese Bedingung überbetont akademische Innovationen und zeugt von der Schwäche deutscher Universitäten, marktfähige Innovationen hervorzubringen. Gleichzeitig beschränkt sie die Freiheit von Akademiker*innen, ein Unternehmen in einem anderen Bereich zu gründen und verstärkt die ohnehin teils problematische Abhängigkeit von Professor*innen.

Statt allein akademische Unternehmensgründungen zu unterstützen, möchten wir die Konditionen des etablierten Exist-Stipendiums adaptieren und Innovatorinnen ganz konkret persönlich und monetär fördern. Dies ist auch notwendig, da Investoren die Glaubwürdigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Erfahrung und das Wissen von Gründerinnen allein deshalb infrage stellten, weil es Frauen sind. [2]. Wir fordern den Senat auf, ein Gründerinnen-Stipendium zu prüfen, dass sich an Gründungsteams richtet, die mehrheitlich aus Frauen oder intersexuellen, nicht-binären, lesbischen oder transgender-Personen bestehen (im Folgenden FLINT). Dieses Stipendium soll mit Beratungs- und Coachingangeboten kombiniert werden, die die spezifischen Hemmnisse von Frauen bei der Gründung von Unternehmen adressieren.

Das Gründerinnen-Stipendium nutzt den parteiübergreifenden Konsens zu einer stärkeren Förderung von Gründung und Innovation und lenkt ihn in einen Bereich mit großem Potential, der in besonderem Maße einen positiven gesellschaftlichen Einfluss besitzt. Zum einen greift die stärkere Einbeziehung von Unternehmerinnen auf das große Potential heutiger und zukünftiger Generation von Frauen zurück, zum anderen zeichnen sich Gründerinnen durch eine Betonung des sozialen Unternehmertums, geringere Fremdkapitalquoten und eine geringere Spekulationsneigung aus [2]. Diese Charakteristika im Gründungsspektrum zu stärken soll fördert das Ansehen von Gründer*innen und verantwortungsbewussten Risikokapitalgeber*innen in der Bevölkerung.

Mit den oben beschriebenen Vorzügen der Innovationsmetropole ist die Stadt Berlin prädestiniert dafür, Vorreiterin für andere Bundesländer in der Gründungsförderung zu werden. Langfristig fördert unser Stipendium Unternehmer*innen, die mit ihrer gestalterischen Position in innovativen und oft hochtechnologischen Unternehmen eine Vorbildfunktion für folgende Generationen von Mädchen und Personen aus dem FLINT-Spektrum haben. Im globalen Wettbewerb um die zukunftsfähigsten Gründungen und um die besten Köpfe kann Berlin durch Gründerinnen-Stipendium mit einem frauenfreundlichen Profil international herausstechen.

Das Gründerinnen-Stipendium ist komplementär angelegt zum Antrag zur Social Entrepreneurship (B'90/Grünen, 19. Bundestag, Drucksache 19/8567). Es fördert FLINT gezielt auch außerhalb sozialer Innovationen - des einzigen Gründungsbereichs, an dem Frauen ohnehin einen vergleichsweise hohen Anteil haben [2] - und unterstützt nicht mit einem Einmalbetrag sondern mit einer Finanzierung des persönlichen Lebensunterhalts, was sich positiv auf die gestalterische Freiheit, den zeitlichen Druck der Gründung und auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auswirkt. Dieser letzte Aspekt kann auch den Zusammenhang abschwächen, dass gerade Frauen wegen junger Kinder oder Schwangerschaft nicht gründen.

Referenzen:

[3] Die Welt am 01.10.2019
[4] Handelsblatt am 21.10.2019