Durch überhöhte Forderungen kann Inklusion auch unmöglich werden

Von Sybille Volkholz

In seinem Beitrag im grünen Debattenblog behauptet Nuri Kiefer: „Es sind vor allem die unzureichenden schulischen Bedingungen, unter denen derzeit in ganz Deutschland eine Pseudoinklusion seitens der jeweiligen Landesbildungspolitik verordnet wird.“ Und dass es vor allem das mehrgliedrige Schulsystem sei, das derzeit nur eine Pseudoinklusion zulasse. In einem mehrjährigen Prozess solle das abgeschafft werden, aber dazu fehle den Landespolitiker*innen ja der Mut.

Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts werden diese Glaubenssätze wiederholt, ohne dass sie einer empirischen Untermauerung standhielten – Glaubenssätze brauchen auch keine Empirie. Die Landespolitikerin, die zuletzt den Mut hatte, auch nur die 4jährige Grundschule um zwei Jahre verlängern zu wollen, hat das politisch nicht lange überlebt. Unglücklicherweise haben die Wähler*innen in der Demokratie bei dieser Mutfrage ein wenig mitzureden. Bei einer Wahl des Gymnasiums von ca. 50 der Eltern (in Berlin) für ihre Kinder, ist dies ein Faktor, den die Grünen in jedem anderen Politikfeld als relevanten Ausdruck von Bürgerwillen ernst nehmen würden. Nur im Bildungsbereich soll der Staat mal mit harter Hand durchgreifen.

Zugegeben: Hätten wir historisch gewachsen ein integratives Schulsystem würde ich dies nicht abschaffen wollen. Aber Politik beginnt mit dem Blick auf die Wirklichkeit. Und alle Kinder haben ein Recht darauf, dass eine Verbesserung der schulischen Bildung auch dort ansetzt.

Die UN-Behindertenrechtskonvention haben sich nicht Politiker*innen ausgedacht, sondern sie ist von Behinderten und ihren Verbänden in einem langen Kampf durchgesetzt worden. Sie wollen bessere Teilhabechancen am gesellschaftlichen Leben und dafür haben sie alle unsere Unterstützung verdient.

Man kann durch überhöhte Forderungen die Inklusion unmöglich machen. Klassenfrequenzen von 20, eine Vertretungsreserve von 10% wären schon durch mangelnden Lehrkräftenachwuchs gar nicht zu realisieren. Den Mangel an Sonderpädagog*innen bekommen ja nicht nur die Regelschulen zu spüren, sondern auch die Förderschulen. In Berlin sind auch nur ca. die Hälfte der Lehrkräfte in Förderschulen ausgebildete Sonderpädagog*innen.  Es gibt diese Kompetenz auch in den regionalen Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Zentren (SIBUZ), an die sich Regelschulen zur Unterstützung wenden können.

In Berlin werden mittlerweile 70% der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelschulen unterrichtet und ein großer Teil der Schulen hat seit nunmehr fast 40 Jahren Erfahrung mit der gemeinsamen Erziehung. Der Wunsch nach gemeinsamer Erziehung nimmt kontinuierlich zu.  Zudem steckt Berlin nicht wenig Geld in die Inklusion. Die Zahl der Lehrkräfte in der Integration ist seit 2012/13 von 1.346 auch 2.091 im Schuljahr 2016/17 gewachsen. Es gibt 12 regionale und ein überregionales Schulpsychologisches und Inklusionspädagogisches Zentrum (SIBUZ).

Nehmen wir ein Beispiel: Die dritte Klasse einer Grundschule mit einer Frequenz von 25 Schülerinnen und Schülern, davon 2 mit Förderbedarf „Geistige Entwicklung“ und 3 mit Förderbedarf „Lernen oder Emotional-Sozial oder Sprache“  erhält 25,5 zusätzliche Lehrerstunden neben den 24 regulären zur Erfüllung der Stundentafel. Es könnten also alle Unterrichtsstunden mit zwei Lehrkräften besetzt werden. Auf Antrag kann die Schule noch für die GE-Schüler*innen Schulhelfer zur ergänzenden Pflege und Hilfe bekommen. Und wenn die Schule Ganztagsschule ist, wie fast alle Berliner Schulen, dann haben sie noch Anspruch auf 20 Wochenstunden Unterstützung durch Facherzieher*innen für Integration.

Wenn die Schule eine Schwerpunktschule z.B. für Kinder mit Förderbedarf „Geistige Entwicklung“ wäre, würde sie noch erheblich mehr personelle Unterstützung bekommen. Es ist allerdings die Entscheidung der Schule, wie sie die zusätzlichen Ressourcen einsetzt. Zudem hat sie Mittel aus dem Bonusprogramm und Verfügungsfonds, die ebenfalls genutzt werden können.

Auch Gymnasien machen sich auf den Weg zu inklusiven Schulen. Das wird dauern, aber sie werden sich dem stellen müssen und daran wird auch gearbeitet.

Mit in Beton gegossenen Glaubenssätzen werden wir keine vernünftige Politik machen könne. Grüne sollten tatsächlich in der Umsetzung von vernünftigen Politikkonzepten mitmischen wollen.

Sybille Volkholz ist ehemalige Bildungssenatorin und leitete vier Jahre lang den Beirat zur Inklusiven Schule.